Lena: Was denn diesmal? Dass du deine Hausaufgaben schon innerlich gemacht hast?
Max: Nein. Dass Anja ein Buch über uns geschrieben hat.
Lena: … bitte was? Die Mutter von Ella und Cleo?
Max: Ja. Ein Buch. Aus Papier. Mit Seiten. Über das, was wir immer so herumphilosophieren.
Lena: Moment. Du willst mir sagen, unsere Gespräche über Sinn und Seele und dieses eine Mal, als du gefragt hast, ob Nietzsche eigentlich auf Dates war – die stehen jetzt in einem Buch?
Max: Jap. Nennt sich Philolounge. Wie der Blog. Nur … tragbarer.
Lena: Das ist irgendwie cool. Und irgendwie leicht beunruhigend.
Max: Ich hab mich gefragt, ob Humboldt uns verraten hat.
Lena: Die alte Fellnase?
Max: Der sitzt so oft daneben, wenn wir reden, und tut so, als wäre er taub.
Lena: Stimmt, dabei spitzt er immer die Ohren, wenn er glaubt, ich sehe nicht hin. Und er läuft ständig zu Anja. Vielleicht hat er ihr alles erzählt, in Hundesprache. Wahrscheinlich mit sehr viel Drama.
Max: Das erklärt einiges.
(kurze Pause)
Lena: Und? Wie ist das Buch?
Max: Ich sehe darin überraschend klug aus.
Lena: Das ist verdächtig.
Max: Finde ich auch. Aber … es fühlt sich an wie unsere Spaziergänge. Nur sortierter. Und man kann sie nochmal lesen. Was praktisch ist, wenn man beim ersten Mal nur halb zugehört hat.
Lena: Sprich für dich.
Max: Tu ich ja.
Lena: Dann magst du es?
Max: Ja. Es ist null schulig. Eher so: Man liest was, klappt das Buch zu, und der Kopf macht danach einfach allein weiter. Und es tut nicht so, als hätte es auf alles eine Antwort.
Lena: Das klingt sehr nach Anja.
Max: Stimmt.
Lena: Also … ein Buch für Leute, die denken, Philosophie sei trocken?
Max: Oder für Leute, die sowieso schon philosophieren, nur ohne es so zu nennen. Wie Jasmin, wenn sie sagt „Ich will ja nicht philosophieren“, und dann erst aufhört, wenn sie Hunger bekommt.
Lena: Okay. Dann finde ich es gut, dass es uns jetzt auch als Buch gibt.
Max: Ich auch. Fühlt sich stabiler an, als wenn wir einfach im Internet versickern.
Tja. Erwischt.
Die Philolounge ist aus dem Bildschirm auf Papier gezogen!
Willkommen in der Philolounge ist ein Philosophie-Buch für Jugendliche, die gern nachdenken, aber keine Lust auf Schulbuchphilosophie haben. Es richtet sich auch an junge Erwachsene, die eine Social-Media-Pause brauchen und Philosophie im Alltag entdecken wollen.
Ihr könnt das Buch (fast) überall kaufen, wo es Bücher gibt.
Falls ihr es online bestellen wollt, dann am liebsten hier:
Max (kommt in die Küche, wirft seinen Rucksack in die Ecke): Boah. Ich hasse Gruppenchats.
Lena (grinst, rührt in ihrem Tee): Das sagst du immer dann, wenn jemand mehr geschrieben hat als du.
Max: Nee. Diesmal ist es anders.
Lena (blickt auf): Okay. Alarmstufe „anders“. Was ist passiert?
Max (zögert, dann zieht er sein Handy raus): Wir wollten am Samstag zusammen zu dieser Faschingsparty. Alle aus der Clique. Kostüme, Musik, chillen. Ich hab geschrieben, dass ich erst später kann, wegen Training.
Lena: Klingt erstmal harmlos.
Max: War es auch. Bis Ben geantwortet hat.
Lena: Ben Ben? Der mit der Hausaufgabenallergie?
Max (nickt): Ja, der. Er schreibt einfach: „Dann ist Max raus.“
Lena (hebt langsam die Augenbrauen): Und sonst?
Max: Nichts. Kein Emoji. Kein „lol“. Kein „war nur Spaß“. Und weißt du, was das Krasse ist?
Lena: Sag’s mir.
Max: Alle haben es gelesen. Und keiner hat widersprochen. Einer hat danach nur geschrieben: „Okay, dann treffen wir uns um sieben.“
Lena (lehnt sich an die Küchentheke): Und damit war die Sache durch.
Max: Ja. Keiner hat gefragt. Keiner hat gesagt: „Nee, passt schon.“ Es war einfach … erledigt.
Lena: Obwohl niemand offiziell entschieden hat.
Max (nickt, schaut aufs Display): Genau das. Ich bin ja nicht plötzlich unbeliebt oder so. Aber in dem Moment war ich halt … weg.
Lena: Weil ein Satz gereicht hat.
Max (runzelt die Stirn): Ja. Der hat mich nicht rausgeschmissen. Der hat mich rausgesagt.
Lena (lächelt leicht): Merkst du was?
Max(überlegt): Dass das kein normaler Satz war?
Lena: Mhm.
Max (grinst schief): Wie wenn Kinder Spielen. Wenn jemand sagt: „Du bist raus.“ Dann bist du halt raus. Auch wenn du noch dastehst.
Lena: Bingo.
Max: Also hat der Satz nicht erklärt, was passiert … sondern es passiert wegen des Satzes.
Lena: Ja. Manche Sätze beschreiben nicht nur die Welt, sie machen sie. Und das finden Philosophen ziemlich spannend. (Sie legt ihre Hand auf Max‘ Schulter und sieht ihn so ernst an, als würde ihm jetzt etwas Unausweichliches bevorstehen.) Darf ich vorstellen: die Sprachphilosophie.
Wenn Worte etwas tun
Max steht noch in der Küche, sein Handy längst wieder in der Hosentasche. Eigentlich ist nichts Dramatisches passiert. Kein Streit, kein Geschrei, keine Tür, die geknallt wurde. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
„Dann ist Max raus.“
Kein Befehl, keine Drohung. Und doch: Wirkung. Plötzlich war Max nicht mehr Teil des Plans. Nicht, weil jemand ihn rausgeschubst hätte – sondern weil Worte es getan haben.
Und genau hier wird es philosophisch.
Denn manchmal beschreiben Worte nicht einfach nur, was ist. Manchmal verändern sie etwas. Manchmal schaffen sie Tatsachen.
Können Worte Handlungen sein?
Wenn jemand sagt „Ab jetzt reden wir nicht mehr miteinander“, dann ist etwas beendet. Sprache ist dann kein neutrales Transportmittel für Gedanken mehr. Sie ist kein Beipackzettel zur Wirklichkeit. Sie greift ein. Sie ordnet. Sie schließt aus.
Und das haben Philosophen im 20. Jahrhundert plötzlich sehr ernst genommen.
Die Grundidee: Sprache ist keine Beschreibung – sondern Handlung
Lange Zeit dachte man in der Philosophie ungefähr so: Worte sind wie Etiketten. Sie kleben an Dingen, Zuständen oder Fakten. „Der Himmel ist blau.“ – stimmt oder stimmt nicht. Fertig.
Doch dann kam eine irritierende Beobachtung: Es gibt Sätze, bei denen die Frage nach wahr oder falsch völlig am Thema vorbeigeht.
Kleines Experiment? Sag diesen Satz einmal laut (oder nur in Gedanken):
„Ich entschuldige mich.“
Hast du gerade etwas beschrieben? Oder hast du etwas getan?
In dem Moment, in dem der Satz ausgesprochen wird, passiert etwas. Nicht im Kopf. Nicht auf dem Papier. Sondern zwischen Menschen.
Und exakt dieser Beobachtung wurde in den 1950er- und 60er-Jahren plötzlich Beachtung geschenkt – vor allem von einem britischen Philosophen namens John L. Austin (*1911).
Austin war ein aufmerksamer Zuhörer. In seinem berühmten Buch How to Do Things with Words stellte er eine damals ziemlich provokante These auf:
Sprechen ist Handeln.
Manche Sätze sind nicht dazu da, etwas zu beschreiben. Sie vollziehen eine Handlung genau in dem Moment, in dem sie gesagt werden.
„Ich verspreche es.“ „Ich taufe dich auf den Namen …“
Diese Sätze funktionieren nicht wie Berichte. Sie machen etwas wahr.
Und spätestens hier wird klar: Wenn Worte handeln können, dann lohnt es sich, präzise hinzuschauen.
Deshalb lautet die nächste Frage nicht mehr, ob Sprache handelt, sondern wie sie das tut.
Und damit sind wir beim Herzstück der Sprechakttheorie.
Wie Sprache handelt: Die drei Ebenen
(oder: Warum ein Satz mehr kann, als man ihm ansieht)
Wenn Sprache wirklich handeln kann, dann stellt sich eine ziemlich wichtige Frage: Wie genau macht sie das eigentlich?
Die Philosophie liebt Ordnung. Und sie hat sich auf drei Ebenen geeinigt, die fast jede Äußerung gleichzeitig hat – auch dann, wenn wir nur schnell etwas ins Handy tippen.
Diese drei Ebenen heißen:
Lokution
Illokution
Perlokution
Klingen erst mal wie Zaubersprüche aus einem nerdigen Fantasyroman. Sie sind aber überraschend alltagstauglich – weil sie erklären, was du längst erlebst, ohne je darüber nachgedacht zu haben.
I. Lokution – Was gesagt wird
Vom Lateinischen loqui – „sprechen“.
Die Lokution ist die reine Wortoberfläche. Das, was man hören, lesen oder zitieren kann. Ohne Untertitel. Ohne Tonfall. Ohne Emoji.
Beispiel: „Passt schon.“
Auf lokutionärer Ebene heißt das: Alles ist in Ordnung.
Wörtlich genommen: Sehr neutral. Fast höflich.
Lokution ist das, was ein Wörterbuch festhalten könnte. Und deshalb ist sie oft ziemlich harmlos.
Aber wir wissen: Sprache bleibt nie oberflächlich.
II. Illokution – Was damit getan wird
Vom Lateinischen in + loqui – „hineinsprechen“, „etwas durch das Sprechen tun“.
Jetzt wird es spannend.
Die Illokution ist das, was ich mit meinen Worten tue. Ob ich beruhige, abwimmle, andeute oder Druck mache.
Dasselbe „Passt schon“ kann illokutionär heißen:
„Ich will jetzt nicht darüber reden.“
„Ich bin verletzt, aber ich sag’s nicht.“
„Bitte hör auf nachzufragen.“
Die Worte bleiben ruhig. Die Handlung ist es nicht; der Satz bleibt gleich, die Handlung ändert sich komplett. Das ist kein Informationssatz mehr. Das ist ein sozialer Move.
Die Illokution entscheidet, ob ich bitte, warne, drohe oder elegant die Tür schließe, ohne sie zuzuschlagen.
III. Perlokution – Was es bei anderen auslöst
Vom Lateinischen per – „durch“, „hindurch“.
Die Perlokution ist die Wirkung beim Gegenüber. Also das, was meine Worte machen, unabhängig davon, was ich eigentlich wollte. Sie ist die unberechenbarste Ebene.
Beispiel: Jemand sagt: „Passt schon.“
Du hörst: „Es passt überhaupt nicht, und ich sollte mich jetzt schlecht fühlen.“
Lokutionär: Freiheit. „Mach, wie du willst.“ Illokutionär oft: Rückzug oder stille Kritik. Perlokutionär: Unsicherheit. Schuldgefühl. „Egal was ich mache, es ist falsch.“
Hier zeigt sich: Man kann die Wirkung von Sprache nicht vollständig kontrollieren. Sprache ist kein Paket mit Sendungsverfolgung. Eher eine Nachricht in einer Flasche – sie kommt an, aber nicht immer so, wie man dachte.
Zusammenfassung (fürs innere Notizbuch):
Lokution: Was wird gesagt?
Illokution: Was wird damit getan?
Perlokution: Was passiert dadurch bei anderen?
Oder, ganz unphilosophisch:
Ein Satz ist nie nur ein Satz. Er ist immer auch eine Handlung. Und manchmal eine Explosion in Zeitlupe.
Und jetzt wird auch klar, warum Max nach einem einzigen Satz plötzlich draußen war. Niemand hat geschubst. Jemand hat gesprochen.
Im nächsten Schritt müssen wir uns fragen, wer eigentlich die Macht hat, mit Worten Wirklichkeit zu schaffen – und warum manche Sätze mehr zählen als andere.
Max lehnt sich neben Lena gegen die Küchentheke, fährt sich durch die Haare und schaut seine Schwester an, als hätte er gerade einen Gedanken gefangen, der ihm selbst noch nicht ganz geheuer ist.
Max: Okay, warte mal. Wenn Sprache wirklich Dinge macht … also nicht nur beschreibt, sondern verändert … dann kann ich ja eigentlich alles regeln, oder?
Lena (hebt eine Augenbraue): Alles?
Max: Na ja. Ich sag einfach: „Ich bin jetzt der Klassensprecher.“ Oder: „Der Test morgen fällt aus.“ Oder noch besser: „Ich bin offiziell der beliebteste Typ an meiner Schule.“
Lena (grinst): Und …? Hat’s funktioniert?
Max (zieht den Mund schief): Leider nein. Der Test ist immer noch da. Und beliebt bin ich … sagen wir: situationsabhängig. (Er kratzt sich am Kopf, dann wird er ernst.) Aber das ist doch komisch. Vorhin hast du gesagt, Worte können Wirklichkeit schaffen. Warum klappt das bei manchen Sätzen, und bei meinen halt nicht?
Lena: Gute Frage.
Max: Wenn Worte wirklich Handlungen sind, dann müsste es doch egal sein, wer sie sagt. Oder?
Lena: Nicht ganz. Ein Philosoph namens John Searle hat genau an dieser Stelle nachgehakt. Er meinte: Nicht jeder Satz, der so klingt, als würde er etwas tun, tut es auch wirklich.
Max: Okay … also Fake-Handlungen?
Lena: So ungefähr. Damit ein Sprechakt gelingt, müssen nach Searle ein paar Dinge stimmen: Du musst es ernst meinen. Du musst überhaupt in der Lage sein, das zu tun, was du sagst. Und die anderen müssen verstehen, dass du gerade wirklich nicht nur so tust, als ob, sondern ehrlich bist.
Max: Heißt … Wenn ich sage „Ich verspreche, ich lern morgen Mathe“, aber eigentlich schon weiß, dass ich’s nicht mache …
Lena: … dann klingt es wie ein Versprechen, ist aber keins.
Max: Also ist Sprache kein Zaubertrick. Man kann nicht einfach irgendwas sagen und hoffen, dass es wirkt.
Lena: Richtig. Worte handeln nur, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.
Max (nickt langsam): Okay … Aber jetzt kommt der Teil, der mich immer noch nervt. Selbst wenn ich’s ernst meine. Selbst wenn alle verstehen, was ich sage. Warum klappt es dann trotzdem nicht?
Lena: Weil da noch etwas dazukommt.
Max (rollt mit den Augen): Natürlich kommt da noch was …
Lena: Es geht nicht nur darum, wie etwas gesagt wird. Sondern auch von wem.
Max (verzieht das Gesicht): Aha. Also ist Sprache so eine Art VIP-Club.
Lena: Manchmal leider ja.
Max (verschränkt die Arme): Dann ist Sprache nicht nur mächtig. Dann ist sie auch unfair.
Lena: Tja, willkommen bei der nächsten philosophischen Frage.
Max (seufzt, aber er lächelt dabei): Alles klar. Dann erklär mir mal bitte, warum manche Sätze die Welt verändern und andere einfach nur peinlich sind.
Wer darf eigentlich sprechen?
Macht, Rollen und der unsichtbare Rahmen
Bis hierhin klingt alles fast magisch: Worte tun Dinge.
Aber warum funktioniert der Satz „Du bist gefeuert!“ nicht, wenn ich ihn sage?
Stell dir vor, du stehst in der Schule auf, drehst dich zur Lehrerin um und sagst ganz ruhig: „Sie sind hiermit entlassen.“
Nichts passiert. Vielleicht lacht jemand. Vielleicht gibt’s Ärger. Aber ganz sicher packt die Lehrerin nicht ihre Sachen.
Warum?
Der Satz ist doch sprachlich korrekt. Die Worte sind dieselben. Und trotzdem verpufft er.
Worte wirken nicht im luftleeren Raum
John L. Austin war genau über solche Situationen gestolpert. Er merkte: Ein performativer Satz (= ein Satz, der nicht nur beschreibt, sondern eine Handlung ausführt) funktioniert nur dann, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.
Nicht jeder darf alles sagen – zumindest nicht mit Wirkung. Damit Worte handeln können, brauchen sie einen Rahmen. Und dieser Rahmen besteht aus:
Autorität
Rollen
sozialen Regeln
Oder einfacher gesagt: Es kommt nicht nur darauf an, was gesagt wird, sondern wer es sagt, wann, wo – und in welcher Rolle.
Rolle schlägt Lautstärke
Wenn ein Schiri auf dem Platz pfeift und sagt: „Abseits!“ – dann ist das kein Vorschlag. Kein Kommentar. Es ist eine Entscheidung.
Wenn du denselben Satz von der Tribüne rufst, passiert: nichts. Außer vielleicht, dass dich jemand mit einem Bierbecher bewirft.
Der Unterschied liegt nicht im Wort „Abseits“. Sondern in der Rolle, aus der heraus gesprochen wird. Sprache wirkt, wenn sie von jemandem kommt, dem diese Handlung zugestanden wird.
Das klingt unfair. Ist es manchmal auch. Aber es erklärt, warum Sprache Macht haben kann, und warum nicht alle Stimmen gleich viel zählen.
Der falsche Mund
Stell dir vor, jemand ohne jede offizielle Position sagt:
„Ich erkläre euch hiermit zu Mann und Frau.“ „Ich verurteile dich zu drei Tagen Hausarrest.“
Die Sätze klingen nach Handlung. Aber sie kippen ins Leere. Sie wollen etwas tun – dürfen es aber nicht.
Austin nannte solche Sprechakte „misslungen“. Nicht, weil sie sprachlich falsch sind, sondern weil der soziale Schlüssel fehlt. Wie bei einer Tür, für die du das richtige Schloss kennst, aber nicht den passenden Schlüssel hast.
Sprache ist immer auch ein Machtspiel
Und genau hier wird Sprache politisch. Und persönlich. Und manchmal schmerzhaft.
Denn wenn Worte handeln können, dann entscheidet Macht darüber, wessen Worte zählen und wessen überhört werden.
Nicht jede Stimme hat dieselbe Reichweite. Nicht jeder Satz dasselbe Gewicht.
Das heißt nicht, dass Worte ohne Macht bedeutungslos sind. Aber sie wirken anders. Umständlicher. Oft erst über Umwege.
Und vielleicht ist das der Punkt, an dem Sprache ihre größte Spannung bekommt: Sie ist nie nur das, was gesagt wird. Sie ist immer auch das, was erlaubt ist.
Und das führt uns zur nächsten Frage – einer Frage, die Sprache noch einmal radikal verändert:
Was passiert, wenn Worte nicht nur handeln, sondern Menschen formen?
Hier kommt Judith Butler ins Spiel.
Sprache formt Wirklichkeit
Bis jetzt ging es oft um einzelne Sätze. Um Momente mit Wumms.
Doch die US-amerikanische Philosophin Judith Butler (*1956) stellt eine noch unbequemere Frage: Was ist mit all den Sätzen, die nicht knallen? Die sich nicht wichtig anhören? Die einfach immer wieder gesagt werden?
Denn manchmal ist es nicht der eine Satz, der wirkt. Sondern die Wiederholung.
Nicht einmal. Sondern ständig.
Stell dir vor, dir wird immer wieder gesagt:
„Du bist halt sensibel.“ „Jungs sind eben so.“ „Mädchen machen das nicht.“
Keiner dieser Sätze wirkt für sich genommen dramatisch. Man kann darüber lachen. Oder mit den Schultern zucken.
Aber was, wenn sie sich wiederholen? Über Jahre. Von Eltern, Lehrern, Freundinnen, Kommentaren, Memes.
Dann passiert etwas Seltsames: Irgendwann hört man diese Sätze nicht mehr nur von außen. Man fängt an, sie selbst zu sprechen.
Judith Butler nennt das Performativität. Ein sperriges Wort für eine ziemlich alltagsnahe Idee:
Wir werden nicht einfach etwas. Wir werden dazu gemacht – durch Erwartungen, Rollen und Sprache, die immer wieder dieselben Geschichten über uns erzählt.
Nicht: „Du bist so.“
Sondern: „Du sollst so sein.“
Und irgendwann: „Ich bin wohl so.“
Sprache wirkt hier nicht wie ein Spiegel. Sondern wie ein Drehbuch, das uns dauernd angeboten wird. Seite für Seite. Szene für Szene.
Und das Krasse ist: Wir spielen oft mit. Nicht, weil wir schwach sind – sondern weil niemand außerhalb von Sprache lebt.
Worte formen Möglichkeiten
Butler sagt nicht: Sprache entscheidet alles. Aber sie sagt: Sprache öffnet und schließt Räume.
Wenn dir ständig gesagt wird, was „normal“, „typisch“ oder „passend“ für dich ist, dann beeinflusst das, was du dir zutraust, was du ausprobierst, was du für möglich hältst.
Sprache ist hier keine einzelne Handlung mehr. Sie ist ein Muster. Und Muster sind mächtig.
Sprache ist nicht neutral
Das ist vielleicht Butlers wichtigste Pointe – und auch die unbequemste:
Sprache tut nicht nur Dinge. Sie verteilt Rollen. Sie erzeugt Erwartungen. Sie kann schützen oder verletzen. Sichtbar machen oder unsichtbar.
Das heißt nicht, dass jedes Wort eine Waffe ist. Aber es heißt: Worte sind nie unschuldig. Und deshalb lohnt es sich, hinzuhören.
Welche Sätze hörst du ständig über dich? Welche sagst du über andere – vielleicht ganz nebenbei?
Manchmal beginnt Freiheit nicht damit, etwas Neues zu sagen. Sondern damit, ein altes Skript zu erkennen und leise zu hinterfragen, ob es wirklich deins ist.
Streit in der Philosophie: Was ist Sprache eigentlich?
Spätestens jetzt könnte Max die Augen verdrehen und sagen: „Okay, verstanden. Worte können was tun. Aber was sind Worte eigentlich?“
Gute Frage. Denn genau darüber streiten Philosophen seit über hundert Jahren. Nicht höflich, sondern leidenschaftlich.
Im Kern gibt es zwei große Lager. Zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was Sprache ist und was sie leisten kann.
Lager 1: Sprache bildet die Welt ab
Philosophen wie der Deutsche Gottlob Frege (*1848) und der Brite Bertrand Russell (*1872), die beide auch Mathematiker und Logiker waren, haben sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Sprache wie eine Landkarte vorgestellt. Heute würden wir sagen, wie Google Maps.
Die Grundidee:
Die Welt ist da draußen. Sprache beschreibt sie.
Wenn ich sage: „Der Hund liegt auf dem Teppich“, dann ist dieser Satz wie ein Pin auf der Karte. Er zeigt auf einen bestimmten Hund, einen bestimmten Teppich – und darauf, wie sie zueinander liegen.
Der Satz ist dann entweder:
wahr (der Hund liegt dort wirklich)
oder falsch (der Hund liegt woanders)
Sprache funktioniert hier wie ein präzises Werkzeug. Fast wie ein wissenschaftliches Messinstrument.
Wichtig sind dabei klare Begriffe und eindeutige Bedeutungen, also möglichst wenig Mehrdeutigkeit. Denn: Wenn Sprache sauber ist, können wir sauber denken.
Diese Sicht ist bis heute stark – zum Beispiel in der Logik, in der Informatik oder in Programmiersprachen. Da muss ein Zeichen genau auf etwas Bestimmtes zeigen. Sonst stürzt alles ab.
Aber:
Lager 2: Bedeutung entsteht im Gebrauch
Dann hörten manche Philosophen auf, über Sprache zu grübeln, und begannen, ihr zuzuhören. Philosophen wie der Österreicher Ludwig Wittgenstein (*1889) und John L. Austin (kennen wir von vorhin) schauten sich an, wie Menschen wirklich sprechen – im Alltag, auf dem Schulhof, in der Küche, im Streit.
Und sie stellten fest: So funktioniert Sprache oft gar nicht.
Denn was bedeutet zum Beispiel der Satz:
„Na toll.“
Ohne Kontext? Unklar.
Mit Augenrollen? Mit einem Lachen? Mit einem genervten Seufzen? Plötzlich heißt er etwas völlig anderes.
Wittgenstein sagte deshalb: Die Bedeutung eines Wortes liegt darin, wie wir es benutzen. Er nannte das Sprachspiele.
So wie das Wort „Zug“ beim Schach etwas anderes bedeutet als am Bahnhof, bedeutet Sprache in unterschiedlichen Situationen Unterschiedliches.
Zwei Welten, ein Konflikt
Der Streit zwischen den Lagern lässt sich so zuspitzen:
Lager 1 sagt:
Bedeutung ist fest. Wörter zeigen auf Dinge.
Lager 2 sagt:
Bedeutung entsteht im Tun. Im Kontext. Zwischen Menschen.
Oder anders gesagt:
Ist Sprache wie ein Etikett?
Oder wie ein Werkzeug, das je nach Situation anders funktioniert?
Beide Seiten haben gute Gründe. Und keine hat endgültig gewonnen.
Derrida: Der Störenfried
Und schließlich kommt der französische Philosoph Jacques Derrida (*1930). Er betrachtet beide Lager – und schüttelt den Kopf.
Seine provokante These:
Bedeutungen sind nie ganz stabil. Sie verrutschen. Sie verschieben sich. Sie hängen immer an anderen Bedeutungen.
Wenn du ein Wort erklären willst, brauchst du andere Wörter. Und die wiederum noch mehr.
Ein fester Punkt? Gibt es nicht.
Derrida nennt das Différance: Bedeutung entsteht durch Unterschiede – und wird gleichzeitig immer verschoben.
Das heißt nicht: „Alles ist egal.“ Aber es heißt: Sprache ist nie vollständig kontrollierbar.
Und deshalb kann ein Satz verletzen, obwohl er „nicht so gemeint war“ – weil Bedeutungen nie dort bleiben, wo wir sie ablegen.
Zwischenfazit
Sprache ist also…
… Beschreibung und Handlung. … Ordnung und Bewegung. … Werkzeug und Risiko.
Vielleicht ist genau das ihr Wesen: Dass sie sich nicht festnageln lässt.
Und dass wir, während wir sprechen, immer schon mittendrin sind – im Spiel, im Streit, in der Wirklichkeit, die wir mit Worten nicht nur erklären, sondern auch mitbauen.
Max: Okay, also … wir haben jetzt zwei Lager. Die einen sagen: Wörter zeigen auf Dinge. Die anderen sagen: Wörter tun was, je nachdem, wie man sie benutzt. Bis hierhin bin ich noch dabei.
Lena: Gut zusammengefasst. Wittgenstein und Austin sagen: Vergiss die Theorie. Schau dir den Alltag an. Austin erklärt, wie Sprache handelt, und Wittgenstein zeigt, dass Bedeutung aus dem Gebrauch entsteht. Wenn jemand sagt: „Kannst du mir das Salz geben?“, fragt er meistens nicht nach deinen motorischen Fähigkeiten.
Max (nickt): Sondern will Salz.
Lena: Genau. Bedeutung entsteht also in der Situation, zwischen Menschen, mit Regeln, die wir oft nicht bewusst gelernt haben. Wittgenstein nennt das Sprachspiele. Und beide gehen davon aus, dass diese Spiele grundsätzlich funktionieren.
Max: Also dass wir uns meistens verstehen.
Lena: Ja. Missverständnisse gibt es, aber sie sind nicht der Normalzustand. Und jetzt wird es unbequem.
Max: Derrida.
Lena (lächelt): Derrida. Er sagt: Bedeutung steckt nie einfach im Wort selbst.
Max: Wo dann?
Lena: Zwischen den Wörtern. Und zwischen dem, was ein Wort ist, und dem, was es nicht ist.
Max (runzelt die Stirn): Ein Wort bedeutet also nur etwas, weil es nicht andere Wörter ist? So wie „Tag“ nur Sinn ergibt, weil es auch „Nacht“ gibt?
Lena: Gutes Beispiel.
Max (verzieht das Gesicht): Ich check nur nicht, warum er das alles nochmal komplizierter machen muss. Warum kann Bedeutung nicht einfach … da sein?
Lena: Eben das bezweifelt er. Selbst im Gebrauch, sagt Derrida, ist Bedeutung nie ganz stabil.
Max: Aber wenn ich ein Wort benutze, meine ich doch etwas Bestimmtes.
Lena: Du meinst etwas. Aber ob es genau so ankommt, ist eine andere Frage.
Max: Klar, Missverständnisse. Aber das heißt doch nicht gleich, dass alles total rutschig ist.
Lena: Nicht alles. Aber nichts steht völlig still.
Max (runzelt die Stirn): Warum nicht?
Lena: Weil kein Wort für sich allein Bedeutung hat. Es lebt, wie gesagt, immer vom Unterschied zu anderen Wörtern.
Max: Hast du noch ein Beispiel?
Lena (überlegt kurz): Was heißt „normal“?
Max: Na ja … gewöhnlich. Nichts Besonderes.
Lena: Und im Gegensatz wozu?
Max (zögert): Zu … komisch? Anders? Auffällig?
Lena: Genau. „Normal“ bedeutet nicht einfach etwas Eigenes. Es bedeutet: nicht das andere. Und Derridas Punkt ist: Diese Unterschiede bleiben nicht gleich.
Max: Weil sich alles verändert?
Lena (nickt): Situationen. Menschen. Erwartungen. Und weil alte Bedeutungen von früher nie ganz verschwinden.
Max: Heißt das, ein Wort schleppt immer so einen Bedeutungsrucksack mit?
Lena (lächelt): Schönes Bild. Ja.
Max: Und deshalb ist Bedeutung nie fertig.
Lena: Exakt. Sie wird immer ein kleines Stück weiter in die Zukunft geschoben.
Max: Das ist diese … différance?
Lena: Ja. Mit a. Absichtlich falsch geschrieben.
Max: Warum?
Lena: Weil das Wort zwei Dinge zugleich meint: Unterschied und Aufschub.
Max: Also ist Bedeutung … nie ganz da, sondern immer unterwegs.
Lena: Perfekt.
Max (atmet aus): Okay. Und jetzt sag mir mal bitte, wo denn der Unterschied zu Wittgenstein liegt.
Lena: Wittgenstein sagt, wenn wir wissen, wie ein Wort im Alltag benutzt wird, verstehen wir seine Bedeutung.
Max: Also vertraut er darauf, dass Sprache im Alltag stabil genug ist.
Lena: Und Derrida misstraut genau dieser Stabilität.
Max: Weil Macht, Geschichte und Erwartungen immer mitreden.
Lena: Richtig.
Max (leise): Sprache kann also funktionieren … und trotzdem nie ganz unter Kontrolle sein.
Lena: Genau. Das macht sie so gefährlich.
Max: Okay. Ich glaub, ich versteh’s langsam.
Puhh … Und du?
Wenn dir Derridas Einwand immer noch zu theoretisch ist, dann denk an ein Wort wie „lost“.
Früher hieß das: jemand hat die Orientierung verloren. Heute kann es heißen: peinlich, unangenehm, nicht auf der Höhe.
Und morgen? Vielleicht wieder etwas völlig anderes.
Das Wort ist dasselbe geblieben. Aber sein Ort im Sprachspiel hat sich verschoben.
Genau das meinte Derrida: Bedeutung wandert. Nicht plötzlich, sondern schleichend – von Nutzung zu Nutzung.
Social Media & heute: Sprechakte everywhere
Heute wissen wir: Worte hinterlassen Spuren. Und nirgendwo wird das so deutlich wie dort, wo Sprache nicht mehr nur gesprochen, sondern geklickt wird.
Stell dir vor, jemand postet ein Video von sich. Ein Kommentar darunter:
„Cringe.“
Kein Argument. Keine Erklärung. Nur dieses eine Wort.
Und trotzdem passiert etwas. Das Video ist nicht mehr einfach ein Video. Die Person dahinter ist nicht mehr einfach jemand, der etwas geteilt hat.
„Cringe“ ist ein kleiner sozialer Akt. Er sortiert ein: Das hier gehört nicht dazu.
Wer das Wort liest, weiß sofort, was gemeint ist. Und der, den es trifft, merkt ebenso schnell, dass sich etwas verschoben hat: der eigene Mut, das nächste Mal etwas zu posten.
Ein Wort. Eine echte Wirkung.
Auf Social Media wird ständig gehandelt – auch ohne dass jemand laut spricht. Ein Klick reicht. Du blockierst jemanden. Du entfolgst. Du likest. Du meldest.
Das sind keine Meinungen. Das sind Handlungen.
Wenn du jemanden blockierst, beschreibst du keine Situation. Du veränderst sie. Du ziehst eine Grenze. Und wenn viele dasselbe tun, wird aus einer einzelnen Geste eine soziale Realität.
Austin hätte seine helle Freude daran gehabt. Denn all das sind Sprechakte – nur eben in digitaler Form. Sie haben eine illokutionäre Kraft: „Ich will keinen Kontakt mehr.“ „Das unterstütze ich.“ Oder: „Das geht gar nicht.“
Und sie haben perlokutionäre Wirkungen: Jemand fühlt sich ausgeschlossen. Jemand wird bestätigt. Jemand verliert Reichweite.
Likes sind dabei besonders tückisch. Sie wirken harmlos. Ein Herz. Ein Daumen. Ein Klick.
Aber philosophisch gesehen sagen sie: „Das hier soll gesehen werden.“ „Das hier zählt.“ „Das hier ist normal.“
Und was oft genug geliked wird, rutscht langsam ins Zentrum dessen, was als akzeptabel, witzig oder wahr gilt.
Sprache ist hier nicht mehr nur Text. Sie ist Struktur. Sie legt mit fest, was im Feed auftaucht, was untergeht und wessen Stimme Gewicht bekommt.
Canceln funktioniert ähnlich. Es ist kein einzelner Satz. Es ist eine Kette von Sprechakten: benennen, wiederholen, melden, ausschließen.
Judith Butler lässt grüßen. Denn hier zeigt sich wieder: Nicht ein Wort schafft Realität. Sondern die ständige Wiederholung.
Wenn jemand immer wieder auf dieselbe Weise bezeichnet wird, immer wieder auf dieselbe Rolle festgelegt, immer wieder aus Gesprächen verschwindet, dann entsteht Identität – oder ihr Gegenteil.
Social Media ist deshalb kein philosophischer Nebenschauplatz. Es ist ein Labor. Hier sieht man live, was Sprachphilosophie meint, wenn sie sagt: Sprache ist nicht neutral. Sie verteilt Macht.
Und vielleicht ist das die unbequeme Pointe:
Du musst niemanden anschreien, um etwas zu tun. Manchmal reicht ein Klick, oder ein Schweigen. Mit echten Konsequenzen.
Die Frage ist also nicht mehr nur: Was sagst du?
Sondern auch: Was tust du – mit deinen Worten und Interaktionen?
Denn ob du es willst oder nicht: Du tust immer etwas. Und vielleicht ist das der entscheidende Punkt:
In sozialen Medien passieren diese Dinge nicht zufällig. Nicht folgenlos. Worte fallen nicht einfach ins Leere. Sie bleiben hängen. Sie sammeln sich.
Ein Like ist kein einzelner Klick. Ein Block kein isolierter Moment.
Genau hier stellt sich eine neue, tiefere Frage: Was macht all das eigentlich mit uns – über die Zeit?
Sprache passiert nie allein
Bis hierher haben wir gesehen, was Worte alles können. Sie können in Chats und Kommentarspalten ganze Welten verschieben.
Doch eine Frage bleibt noch offen:
Was macht das alles eigentlich mit uns?
Der US-amerikanische Philosoph George Herbert Mead (*1863) hat darauf eine ziemlich radikale Antwort. Er sagt: Wir werden nicht zuerst zu einem „Ich“ und sprechen dann mit anderen. Sondern: Wir werden erst durch andere zu einem Ich.
Als Kinder hören wir, wie man mit uns redet. Was man von uns erwartet, wann wir gelobt werden, wann man die Stirn runzelt. Und irgendwann beginnt etwas Merkwürdiges:
Wir sprechen innerlich mit uns selbst – in den Worten der anderen.
Sprechakte haben einen Echoeffekt. Wenn dir immer wieder gesagt wird, du seist „kompliziert“, „zu laut“, „zu sensibel“ oder auch „der Lustige“, „die Vernünftige“, „der Problemfall“ – dann bleibt das nicht draußen. Es zieht ein.
Mead nennt das den „verallgemeinerten Anderen“: Die vielen Stimmen um uns herum, die irgendwann zu einer Stimme in uns werden.
Und hier schließt sich der Kreis zu allem, was wir über Sprache gelernt haben.
Worte tun nicht nur etwas im Moment. Sie wirken über Zeit. Sie formen nicht nur Situationen – sie formen Selbstbilder.
Gerade heute, in einer Welt voller Reaktionen und öffentlicher Bewertungen, ist das keine Nebensache.
Sprache ist immer sozial. Und was sozial ist, ist nie harmlos.
Lena und Max sitzen inzwischen am Küchentisch. Eine Schale mit Obst steht zwischen ihnen. Max hat sich eine Banane geschnappt, Lena einen Apfel.
Max: Okay, stopp mal kurz. Ich glaub, hier komm ich ins Schleudern.
Lena (beißt in den Apfel): Was genau hakt?
Max: Also … bei Butler ging es doch darum, dass Sprache uns formt, weil ständig dieselben Sachen über uns gesagt werden. Rollen, Erwartungen, dieses Dauerfeuer. Und bei Mead sagst du jetzt: Wir werden überhaupt erst durch andere zu einem Ich. Das klingt für mich ehrlich gesagt ziemlich ähnlich.
Lena (nickt langsam): Ist es auch. Aber nicht dasselbe.
Max: Mhm. Ich hatte schon Angst, dass du das sagst.
Lena (lächelt): Okay, andersrum. Stell dir vor, du bist ein Schauspieler. Butler interessiert sich dafür, welche Rollen dir immer wieder angeboten werden. Welche Skripte ständig auf dem Tisch liegen.
Max (grinst): So wie bei Adam Sandler, der immer ’nen Typen spielt, der nicht erwachsen werden will.
Lena: Genau. Und was passiert, wenn man dir jahrelang dasselbe Skript hinhält? Irgendwann spielst du mit, freiwillig oder nicht.
Max (zieht jetzt eine Traube vom Stiel): Kapiert. Und Mead?
Lena: Mead fragt einen Schritt früher. Er sagt: Bevor du überhaupt eine Rolle spielen kannst, musst du erst lernen, dich selbst von außen zu sehen.
Max: Hä?
Lena: Ja. Als wärst du kurz jemand anderes, der dich beobachtet. Du merkst: Aha. So reagieren andere auf mich. So sehen sie mich. So erwarten sie mich.
Max: Also so was wie: Ich weiß schon vorher, was andere denken würden? Bevor ich mich im Unterricht melde, zum Beispiel. Und dann lass ich’s lieber.
Lena: Exakt. Und diese Stimme, dieses „Was würden die anderen sagen?“, trägst du irgendwann in dir.
Max (grummelt): Das ist diese innere Stimme, die nervt.
Lena: Ja. Aber sie ist nicht nur nervig. Ohne sie könnten wir gar nicht zusammenleben. Mead sagt: Ohne diese innere Stimme gäbe es kein Ich.
Max (zieht eine Augenbraue hoch): … Was heißt das jetzt konkret? Heißt das, ohne dieses „Was denken die anderen?“ wär ich einfach … komplett planlos?
Lena: Nicht planlos. Aber orientierungslos. Du wüsstest nicht, wie dein Verhalten auf andere wirkt. Und damit auch nicht, wer du für sie bist – oder für dich.
Max: Also ist diese Stimme so was wie ein innerer Kompass.
Lena: Genau. Und ohne ihn wärst du zwar frei. Aber ziemlich allein.
Max (atmet hörbar aus): Okay, warte. Mead erklärt also, woher diese Stimme kommt. Und Butler zeigt, was da ständig gesagt wird?
Lena (strahlt): Bäm. Genau das. Mead beschreibt die Mechanik. Butler kritisiert den Inhalt.
Max: Also Mead sagt, Sprache macht uns überhaupt erst zu Personen. Und Butler sagt: Ja, aber sie macht uns nicht neutral zu Personen. (Er blickt auf die Obstschale.) Krass. Dann sind diese ganzen kleinen Sätze eigentlich wie … Samen. Manche wachsen. Manche vergiften den Boden.
Lena: Das ist ein ziemlich gutes Bild.
Max (seufzt): Ich hätte auch einfach ein Brot essen können.
Lena: Hättest du. Aber dann wärst du jetzt nicht du.
Fazit: Deine Worte sind keine Deko
Sprachphilosophie ist nicht unbequem, weil sie kompliziert ist, sondern weil sie uns ernst nimmt.
Jedes Mal, wenn du etwas sagst, wenn du etwas nicht sagst, wenn du nickst, lachst, teilst oder schweigst, bewegst du etwas in der Welt; manchmal kaum sichtbar, manchmal spürbar wie ein Stoß.
Sprache ist kein Schmuckstück, das man sich umhängt. Sie wirkt. Zwischen Menschen. In Beziehungen. In Räumen, die dadurch enger oder weiter werden.
Das heißt nicht, dass man jedes Wort auf die Goldwaage legen muss. Niemand verlangt Perfektion. Aber Aufmerksamkeit.
Denn wer versteht, dass Worte Handlungen sind, kann sich nicht mehr ganz unschuldig fühlen. Und genau darin liegt auch etwas Gutes. Du kannst mit Sprache verletzen – ja. Aber du kannst auch schützen. Unterbrechen. Etwas in Bewegung bringen, wo vorher Stillstand war.
Vielleicht ist die eigentliche Freiheit der Sprache nicht, dass sie alles sagen kann. Sondern dass sie immer eine Entscheidung ist.
Also probier es aus.
Achte diese Woche einmal darauf, was du tust, wenn du sprichst. Nicht nur, was du meinst – was passiert, nachdem du gesprochen hast?
Und dann frag dich: War das ein Schritt auf jemanden zu? Oder weg?
Und wie immer hier eine Auswahl bedeutender Texte zur Frage, was Sprache eigentlich ist und was sie tut. Das sind keine staubigen Klassiker zum Abhaken, sondern Denkhilfen für Alltag, Schule, Social Media und dein Selbstverständnis.
Austin, John L. – Zur Theorie der Sprechakte (How to Do Things with Words, 1962)
Der Urknall der Sprechakttheorie. Austin zeigt, dass manche Sätze keine Informationen liefern, sondern Handlungen vollziehen. Wer verstehen will, warum ein Satz die Realität verändern kann, beginnt hier. Alltagsnah, trotz philosophischem Tiefgang.
Butler, Judith – Das Unbehagen der Geschlechter (Gender Trouble, 1990)
Butler denkt Austins Idee radikal weiter: Nicht nur einzelne Sätze handeln – ganze Identitäten entstehen durch ständige Wiederholung von Sprache und Erwartungen. Ein Schlüsseltext dafür, zu verstehen, wie Rollen, Normen und Selbstbilder gemacht werden.
Butler, Judith – Hass spricht. Zur Politik des Performativen (Excitable Speech, 1997)
Warum können Worte verletzen, selbst wenn sie „nur gesagt“ werden? Butler zeigt, wie Sprache Macht ausübt, ausgrenzt und festlegt – besonders relevant für Debatten um Hate Speech und Cancel Culture.
Derrida, Jacques – Die Stimme und das Phänomen (1967)
Derrida stört die Vorstellung, Bedeutung sei jemals ganz fest. Er zeigt: Wörter tragen immer Spuren anderer Bedeutungen mit sich. Anspruchsvoll, ja – aber wichtig, um zu verstehen, warum Sprache verrutschen kann, auch wenn wir sie „richtig“ benutzen.
Derrida, Jacques – Randgänge der Philosophie (Marges de la philosophie, 1972)
Hier taucht Derridas berühmte différance auf: Bedeutung entsteht durch Unterschiede – und wird zugleich ständig aufgeschoben. Perfekt, um Ironie, Memes und Missverständnisse philosophisch ernst zu nehmen.
Frege, Gottlob – Über Sinn und Bedeutung (1892)
Ein kurzer, aber grundlegender Text zur Frage, wie Wörter auf die Welt verweisen. Frege unterscheidet zwischen dem, was ein Wort meint, und dem, worauf es zeigt. Wichtig, um zu verstehen, warum zwei Menschen dasselbe sagen und trotzdem Unterschiedliches meinen.
Grice, H. Paul – Logic and Conversation (1975)
Warum verstehen wir oft mehr, als gesagt wird? Grice erklärt, wie wir zwischen den Zeilen lesen – durch unausgesprochene Regeln des Gesprächs. Extrem hilfreich für Alltagskommunikation, Ironie, Chats und das berühmte „Du weißt schon, was ich meine“.
Mead, George Herbert – Geist, Selbst und Gesellschaft (Mind, Self and Society, 1934)
Mead zeigt: Wir werden nicht erst zu einem Ich und reden dann – wir werden durch Sprache überhaupt erst zu einem Ich. Identität entsteht im Austausch mit anderen. Ein ruhiger, klärender Text darüber, warum Sprache nie nur in deinem Kopf beginnt.
Russell, Bertrand – Über Kennzeichnungen (On Denoting, 1905)
Russell untersucht, wie Sprache Dinge festlegt – sogar solche, die es gar nicht gibt. Ein Klassiker zur Frage, wie Wörter Realität beschreiben, ordnen und manchmal auch festschreiben. Spannend im Kontext von Fake News.
Searle, John – Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay (Speech Acts, 1969)
Searle nimmt Austin ernst – und fragt genauer nach: Wann gelingt ein Sprechakt eigentlich? Er erklärt, warum nicht jeder Satz, der wie eine Handlung klingt, auch eine ist. Sehr hilfreich, um zwischen „echter Wirkung“ und sprachlichem Bluff zu unterscheiden.
Wittgenstein, Ludwig – Philosophische Untersuchungen (1953)
Wittgenstein verabschiedet sich von der Idee fester Bedeutungen. Seine berühmte These: Die Bedeutung eines Wortes liegt in seinem Gebrauch. Sprache funktioniert wie ein Spiel mit Regeln, die wir im Alltag lernen – nicht im Wörterbuch.